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Igel-Liebe: Von der Pflege bis zur Freiheit

Aktualisiert: 5. Mai


Alles begann mit einer Nachricht der Igelstation im November 25: "Die Igelstation ist überfüllt, es werden kurzfristig Pflegeplätze benötigt. Hast du Kapazität?". Eigentlich bin ich ja Auswilderungsstelle, also quasi Endstation einer erfolgreichen Igelversorgung. So kamen "Fibi" und "Melli" zu mir in den Keller. Sie mussten auf ein Gewicht von 600 Gramm gepäppelt werden. Erst danach durften sie in den betreuten Winterschlaf. Mit ihren 600 Gramm waren sie zu klein und im November zu spät dran, um noch in die Freiheit entlassen zu werden. Im November ist es für Igel zu spät zur Auswilderung, da die sinkenden Temperaturen das Nahrungsangebot drastisch reduzieren und den Tieren die nötige Zeit fehlt, um vor dem Wintereinbruch ein frostsicheres Quartier zu bauen und ausreichende Fettreserven für den Winterschlaf anzufressen. Leider entwickelte sich Melli schnell zum Sorgenkind, sodass sie zurück zur Igelstation in die Intensivbetreuung musste. Zu ihr aber später mehr ...


Ein kleines Igelkind


Die meisten Igel landen in Notstationen, weil ihr natürlicher Lebensraum drastisch schwindet und sie durch Nahrungsmangel, Autounfälle oder schwere Verletzungen durch Gartengeräte wie Mähroboter ohne menschliche Hilfe nicht mehr überlebensfähig wären. Da gesunde Igel nachtaktiv sind, deutet eine Sichtung am Tag fast immer auf eine Erkrankung oder Schwäche hin. Besonders im Spätherbst werden zudem viele untergewichtige Tiere aufgenommen, die ohne menschliche Hilfe den Winterschlaf nicht überstehen würden.


Fibi war eines dieser Igelkinder. Sie wurde hilflos und unterernährt gefunden, so gelang sie zur Station, mit der ich kooperiere. Dies war ihre einzige Chance zu überleben. Sie war winzig und das Leben in der Kiste gefiel ihr überhaupt nicht. Was ich absolut verstehen kann. Als Wildtier in einer Plastikbox mit Zeitung ist irgendwie nicht das, was man sich von einem wilden Leben vorstellt. Doch genau diese rebellische Art war es, die mir von Anfang an zeigte, wie viel Lebenswillen in dem kleinen Bündel steckte und dass sie alles daransetzen würde, bald wieder unter echtem Sternenhimmel zu stöbern.



Fibi konnte dann Ende November ins Außengehege ziehen. Sie fand nicht direkt in den Schlaf, brauchte mehrere Anläufe. Sie war relativ lange wach, konnte jedoch Ende Dezember richtig schlafen. Lediglich an Silvester, wurde sie dann wach. Der Winterschlaf ist kein tiefer Schlaf, sondern ein sensibler physiologischer Zustand.  Die extremen Erschütterungen und der ohrenbetäubende Lärm bedeuten für die Tiere Lebensgefahr, was eine Stressreaktion auslöst und ihren Stoffwechsel abrupt hochfährt. Dieses plötzliche Aufwachen verbraucht in kürzester Zeit enorme Fettreserven, die eigentlich für den gesamten Winter reichen müssten. Da die Igel bei Frost weder Nahrung noch neue frostsichere Unterschlüpfe finden, führt dieser energiezehrende Stress oft zum Tod durch Erschöpfung. Um solche Situationen zu vermeiden, gibt es den betreuten Winterschlaf.


Die Luxus-Pension: Wohnen im Igel-Gehege


Ich gebe mir immer viel Mühe beim Einrichten der Gehege, denn so ein kleiner Igel ist durchaus anspruchsvoll. Da ich sehr naturnah lebe, nutze ich alle verfügbaren Materialien aus der Natur. Nachhaltig muss es sein - und Igeltauglich. Im Gehege befindet sich standardmäßig ein Igelhaus mit Stroh und viel Nistmaterial. Dort dürfen die Igel ihr Winternest selbst bauen. Auch wenn sie in der Freiheit natürliche Unterschlupfmöglichkeiten bevorzugen, genießen sie hier zumindest den „All-inclusive-Service“ einer geschützten Unterkunft.


Ein artgerechtes Überwinterungsgehege muss mindestens 2 m² groß, ausbruchsicher und in einer kalten Umgebung wie einem Balkon oder Gartenhaus platziert sein. Herzstück ist ein isoliertes Schlafhaus mit Labyrintheingang, das reichlich mit trockenem Haferstroh gefüllt wird. Wichtig ist zudem, dass auch während des Schlafs immer eine Schale mit frischem Wasser und Katzentrockenfutter bereitsteht, damit der Igel bei gelegentlichem Aufwachen sofort Energie tanken kann.

Trotz Winterruhe war nachts am Gehege oft erstaunlich viel los. Ich hatte regelmäßige Gäste: den Fuchs und manchmal auch eine Maus. Da solche Tiere für schlafende Igel gefährlich werden können, ist ein absolut sicheres Gehege lebensnotwendig – niemand darf hinein, und der Schützling darf nicht versehentlich hinaus.


Zwischen Abschied und Freiheit: Fibi's Weg zurück in die Natur


Dann war er da, der Tag der Freiheit. Für mich ein Tag mit gemischten Gefühlen. Zum einen bedeutet die Auswilderung, dass all der Aufwand erfolgreich war und wieder ein Stück Natur zurück gegeben werden konnte. Auf der anderen Seite weiß ich, dass der Igel fortan auf sich alleine gestellt sein wird. Es lauern zahlreiche Gefahren, die der Schützling selbst meistern muss. Manchmal wandern Igel ab, dann behält man die Ungewissheit, ob das Tier wirklich abgewandert ist oder vielleicht doch etwas passiert sein könnte.


Zugleich weiß man, dass Igel sich in den Gehegen unwohl fühlen. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem die kleinen Stacheltiere rebellieren. Jede Nacht. Kratzen am Gitter, umher rennen am Zaun. Manche Igel regen sich dermaßen auf, dass sie sich sogar blutige Pfötchen laufen. Es sind eben Wildtiere, die ein Leben in Gefangenschaft nicht kennen und nicht wollen. Igel zeigen das ganz deutlich. So schwer es auch fällt, dem Drang des Tieres nachzugeben: Vernunft muss hier über Empathie stehen, denn eine zu frühe Freilassung bei Kälte oder Nahrungsmangel wäre kein Akt der Freiheit, sondern ein lebensgefährliches Risiko.“


Fibi jedenfalls, zeigte schon Wochen vorher, dass sie es kaum erwarten konnte. Sie wurde irgendwann rebellisch. Jede Nacht randalierte sie am Gehege, vor allem wenn der im letzten Jahr ausgewilderte Fridolin sie nachts besuchte. Es war schwer mit anzusehen, wie groß der Freiheitsdrang wurden. Wir warteten nur noch auf die richtigen Temperaturen, denn auch das muss genau abgestimmt werden.


Wetter und Gewicht als Schlüssel zur sicheren Auswilderung




Nachdem das Tor geöffnet war, ging es bei Fibi sehr schnell. Sie hat direkt geahnt, dass da etwas anders ist. Der ideale Zeitpunkt, das Tor zur Freiheit zu öffnen, ist gekommen, wenn das Wetter, das Gewicht und das Verhalten des Igels im Einklang stehen. Die nächtlichen Temperaturen müssen stabil dauerhaft über 8 °C liegen, um ein ausreichendes natürliches Nahrungsangebot an Insekten zu gewährleisten; Frostnächte oder starker Dauerregen sollten ausgeschlossen sein. Zudem muss der Igel gesund sein und ein stabiles Gewicht von etwa 600 bis 700 Gramm erreicht haben, um für die ersten Exkursionen gewappnet zu sein.


Ein deutliches Signal ist das Verhalten des Tieres: Wenn der Igel nachts unruhig wird, am Gehege randaliert oder intensiv versucht auszubrechen, zeigt er unmissverständlich seinen Freiheitsdrang. Das Tor sollte schließlich in der Abenddämmerung geöffnet werden. Das Gehege bleibt vorerst als sicherer Rückzugsort offen und enthält weiterhin Futter, damit dem Schützling der Übergang in die Selbstständigkeit als „Soft Release“ erleichtert wird.


Fibis Nase, ein Kompass im neuen Revier



Dieser Schritt war für Fibi nicht der erste Gang in die Freiheit, aber der erste Gang alleine in einem neuen Revier. Igel orientieren sich über ihren hochsensiblen Geruchssinn. Sie sehen eher schlecht und "lesen" ihre neue Umgebung mit der Nase, markieren wichtige Wegpunkte mit Duftstoffen und legen in ihrem Gedächtnis eine kognitive Landkarte an. Daher ist die Aufenthalt in einem Auswilderungsgehege mindestens x Tage erforderlich. In der ersten Zeit wird die Umgebung um die Auswilderungsstelle ausgiebig umkreist, um sicherzustellen, dass es in das vertraute Gehege finden kann. urch das sogenannte „Einspeicheln“ (bei dem der Igel Schaum produziert, wenn er neue Gerüche wahrnimmt) verarbeitet er zudem unbekannte Reize chemisch. Da Igel sehr ortstreu sind, speichert er die Lage von Futterquellen und potenziellen Nistplätzen schnell ab, bis er sich sicher genug fühlt, sein Revier dauerhaft auszuweiten.


Fibi hat ihre ersten Runden rund um das Gehege gedreht. Aber als erstes hat sie wieder randaliert, nämlich an einem Gartensack. Als Tierfotografin konnte ich es natürlich nicht lassen, das Ganze fotografisch festzuhalten. Ich hatte mich in einer Ecke versteckt und konnte ihre ersten Schritte begleiten und festhalten.




Abschied auf Raten: wenn Igel das Gehege verlassen


Ob es ein Abschied für immer sein wird, bleibt abzuwarten – vielleicht entscheidet sie sich ja, in meinem Revier sesshaft zu werden. Doch ich bin zuversichtlich, dass Fibi draußen bestens zurechtkommt. Ihre Wehrhaftigkeit, ihr ausgeprägter Fluchtinstinkt und ihr energisches Fauchen haben mir immer wieder gezeigt, dass sie bereit ist, den Gefahren der Wildnis zu trotzen.


Nicht nur für Fibi, auch für Melli gab es ein Happy End: Nachdem sie im Dezember zu mir zurückgekehrt war und den Winter sicher verschlafen hat, ist sie nun die Nächste, die in den kommenden Tagen ihre Koffer packen darf.


Als das Tor schließlich offen stand, schwang unweigerlich ein wenig Wehmut mit. Es ist eine Gratwanderung: Man darf keine zu enge Bindung aufbauen, da der Abschied von Beginn an feststeht – Wildtiere brauchen uns Menschen nicht, sie brauchen ihre Freiheit. Doch als ich beobachtete, wie Fibi sicher durch das Gras stöberte und neugierig jeden Halm erschnüffelte, war jede Wehmut verflogen. In diesem Moment wusste ich genau, dass der Zeitpunkt richtig war und sich jede investierte Stunde gelohnt hat.


Das Warum


Es ist kein Geheimnis, dass unsere Igel zunehmend in Not geraten. Der dramatische Rückgang von Insekten entzieht ihnen die Nahrungsgrundlage, während der schwindende Lebensraum durch Steingärten und engmaschige Zäune ihre Reviere zerstückelt. Jedes Jahr werden unzählige Tiere Opfer des Straßenverkehrs oder verletzen sich an Garten-Saugern und Mährobotern. In einer Welt, die für Wildtiere immer enger wird, ist die Igelhilfe für mich weit mehr als nur ein Hobby. Es ist mein persönlicher Beitrag zum Naturschutz. Ich möchte nicht tatenlos zusehen, wie eine so faszinierende Art verschwindet, sondern aktiv dabei helfen, dass Tiere wie Fibi, Fridolin und Melli eine echte Überlebenschance in einer intakten Umwelt erhalten.


Jeder kann Igel unterstützen!

Du musst nicht gleich eine eigene Station eröffnen, um zu helfen. Jeder Beitrag zählt:


  • Aufklärung: Werde zum Botschafter! Erzähl Freunden, Familie und Nachbarn von der Not der Igel. Sensibilisiere sie besonders für die Gefahren von Mährobotern in der Dämmerung.


  • Garten anpassen: Schaffe „wilde Ecken“ mit Laub und Unterholz. Ersetze dichte Zäune durch Hecken oder bohre kleine Durchlässe (ca. 10 x 10 cm), damit Igel wandern können. Verzichte komplett auf Chemie!


  • Auswilderungsstelle werden: Wenn du einen sicheren, naturnahen Garten hast, nimm Kontakt zu lokalen Igelstationen auf. Sie suchen händeringend nach Plätzen, an denen genesene Tiere kontrolliert in die Freiheit entlassen werden können.


  • Spenden: Igelstationen finanzieren sich meist komplett selbst. Ob Futterspenden, handwerkliche Hilfe beim Bau von Schlafhäusern oder finanzielle Unterstützung für Tierarztkosten – jede Hilfe kommt direkt an.


Ein Blick in die Zukunft


Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass wir die Natur nicht besitzen, sondern nur ein Stück weit begleiten dürfen. Jede erfolgreiche Auswilderung ist ein kleiner Sieg gegen das Artensterben und ein Beweis dafür, dass menschliche Hilfe dort, wo sie nötig ist, einen echten Unterschied macht. Wenn ich heute in die Dämmerung blicke, sehe ich nicht nur einen leeren Garten, sondern ein lebendiges Revier, in dem Fibi und ihre Artgenossen ihre eigenen Wege gehen. Das Wissen, dass sie nun wieder Teil des großen Kreislaufs sind, ist die schönste Bestätigung für all die investierte Zeit. Es ist ein Abschied, der Platz für neues Leben schafft – und genau das ist der Kern von echtem Naturschutz.

 
 
 

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